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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht am Donnerstag einen Hochwasserschwerpunkt an einem Deich aus Sandsäcken in Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt).

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Merkel zu Besuch bei Hochwasser-Helfern in Bitterfeld (BILD: dpa)


  „Mitteldeutsche Zeitung“  05.06.2013 (von Silke Ùngefroren)
Trotz Evakuierung herrscht weiter Leben in Bitterfeld. Die Pumpen laufen auf Hochtouren. Einige Anwohner wollen ihre Häuser nach wie vor nicht verlassen.
bitterfeld/MZ.  
Die Ruhe trügt. Es herrscht noch Leben in Bitterfeld, obwohl der Teil östlich der Bahnlinie am Dienstag evakuiert wurde. Und im Bereich Niemegker-, Altschloss-, Parkstraße und An der Sorge ist es auf einigen Grundstücken alles andere als ruhig. Hier laufen die Pumpen, um das Wasser aus den Kellern entweder zu kriegen oder noch zu verhindern, dass es überhaupt hineinläuft.
Angst vor Plünderern
Michael Hacker hat seit der Flut 2002 ein Schlauchsystem und zwei Pumpen fest installiert. Schon damals war er betroffen, lief sein Keller voll. Das hat ihn geprägt. „Aber jetzt schaffen es nicht mal fünf Pumpen, das Wasser rauszukriegen“, sagt er. Sein Haus will er so schnell nicht verlassen, obwohl die Goitzsche steigt und steigt und überzulaufen droht. Ob das gut ist? „Es ist mein Eigentum“, sagt er. „Und ich habe damals erlebt, dass Häuser in der Nachbarschaft schon in der Nacht der Evakuierung geplündert wurden.“ Er kann in die oberen Etagen flüchten, wie er sagt. Deshalb „bleibe ich bis zum Schluss“.
Die Familie gegenüber hatte bisher noch Glück. Hier hat es das Wasser noch nicht bis in den Keller geschafft. Rund um die Uhr wird gepumpt, wie Elfriede Brauer erzählt.
„Wir wollen nicht weg.“
Das wollte auch Wolf Thienicke nicht, doch am Donnerstag fährt er fort. Er hat die Nase voll. Seine Familie ist ebenfalls zum zweiten Mal vom Hochwasser betroffen. Erst durch Grundwasser, jetzt auch im Garten durch den Strengbach. Bis in der ersten Etage war das Wasser schon - vom Keller ganz zu schweigen. Dort sind Sauna und Sportraum abgesoffen. „Nicht drüber nachdenken“, winkt Thienicke ab und schimpft. Über das Nichtinformiertsein, über die Politiker und Verantwortlichen. Wenn jene richtig und weitsichtig gehandelt hätten, meint er, dann hätte das nicht wieder passieren dürfen. „Und damals waren wir jünger“, denkt der 62-Jährige an die Arbeit, die erneut auf ihn und seine Familie zukommen wird. „Doch jetzt sind wir Rentner, da wird es nicht leichter.“
Nicht weit entfernt davon liegt das Goitzsche-Camp - idyllisch bei diesem Wetter, das von allen herbeigesehnt wurde. Doch bis auf die arbeitenden Bundeswehrsoldaten, die dahinter den Sandsackdamm am See errichten, ist kaum ein Mensch zu sehen. In einem der Wohnwagen jedoch lässt sich ein 78-Jähriger nicht davon abhalten, sein Campingplatz-Leben weiter zu genießen. Er kommt aus Halle, ist seit Bestehen des Camps immer von Frühjahr bis Oktober hier. Seinen Namen möchte er in der Zeitung nicht lesen. „Montag bin ich auch nach Hause gefahren, doch Dienstag war ich wieder hier“, sagt er. „Man kann ja keinen zwingen zu gehen. Und das ist bestimmt nicht das erste Hochwasser im Leben, das ich mitmache.“
Er verweist an die Betreiberin des Camps, Beate Köppe. „Die Familie kocht jetzt für die Helfer.“ Doch die Frau hat nicht nur tatkräftige Unterstützung von Mann Olaf und Sohn Florian. Auch die Freunde Stefan Ehbauer und Sara Güldner sind zum Helfen gekommen. Gerade sind die 50 Essen für das Technische Hilfswerk (THW) am Wehr in Friedersdorf und am Pegelturm raus. Gefüllte Paprikaschote und Kartoffelbrei stehen auf dem Speiseplan, einen Tag zuvor gab es Bratkartoffeln und Bulette.
„Eben Hausmannskost, damit die Leute gestärkt weiter machen und für uns kämpfen können“, sagt Beate Köppe. „So wie viele andere auch.“ Besonders freut sie, dass so viele jugendliche Mitstreiter kräftig anpacken.
Helfen aus Menschlichkeit
In der Niemegker Straße steht Peggy Lübeck aus Mühlbeck und telefoniert. Sie ist auf dem Weg zum Stadion und den Sandsäcken. Dort hat sie schon am Dienstag geholfen. Mittwoch war sie in Greppin, jetzt geht es erneut Richtung Goitzsche. „Der Bäcker, wo ich arbeite, hat ohnehin geschlossen“, erklärt sie ihren Einsatz, der für sie dazu gehört - aus Menschlichkeit. Und: „Man kann nicht meckern und dann nichts tun. Es gibt aber andere, die das gar nicht interessiert.“
Bei „Onkel Apo“ in der Walther-Rathenau-Straße hat nicht nur der Imbiss geöffnet, sondern auch der Lebensmittelladen daneben. „Damit die Leute was einkaufen und essen können“, erklärt Serhan Yalcinkaya. „Natürlich haben wir Angst vor dem Wasser. Wenn es kommt, müssen wir schnell raus.“
Auch im Obst- und Gemüsegeschäft von Familie Le in der Burgstraße werden die Kunden bis Donnerstagnachmittag noch versorgt. Dann haben sich Phung Thi Yen und ihr Mann in Richtung Goitzsche aufgemacht - bepackt mit Suppe sowie Obst- und Gemüseportionen für die Einsatzkräfte dort. „Ich packe jetzt hier noch alles zusammen“, sagt Sohn Hung. „Und dann fahre ich auch zum Helfen.“

"Mitteldeutsche Zeitung" vom 06.06.2013
Hochwasser Luftaufnahme Deichbruch an der Goitzsche in Bitterfeld
(Foto: Bauer)

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"Mitteldeutsche Zeitung" vom 06.06.2013
Hochwasser in Bitterfeld und Jeßnitz aus der Luft
(Foto: Bauer)
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 „MZ“ vom 05.06.2013 (Julia Grunschel) (Auszug)
MARL. Manfred Degen ist beunruhigt: Mehrfach nahm der Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins Marl-Bitterfeld gestern Kontakt zu Freunden aus Bitterfeld auf. Wegen einer drohenden Überflutung der Stadt wurde in Marls Partnerstadt Katastrophenalarm ausgerufen. 10.000 Bürger wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Vor Augen hat der 73jährige die Bilder vom Hochwasser im Jahr 2002 – damals fuhren sogar Marler Feuerwehrleute in die Partnerstadt, um zu helfen. „Hoffentlich wird es diesmal nicht so schlimm“, sagt Manfred Degen.

 


„WAZ“Bitterfeld rüstet sich für Flut  (04.06.2013)  von Dörthe Hein, dpa
BITTERFELD-WOLFEN (dpa) Seine Gäste sind schon alle weg. Nun nimmt sich der Bitterfelder Hotelier Jörg Krause die Kellerschächte vor.
Gemeinsam mit einem Freiwilligen aus dem hochwassererfahrenen Regensburg klebt er dicke blaue Folie an die Fassade seines Hotels in der Innenstadt und schippt Steine drauf.

Am Ufer des Tagebausees Goitzsche füllen Freiwillige und Bundeswehrsoldaten Sandsäcke und stapeln sie zu einem Schutzwall. Auch der große Chemiepark ist schon gesichert. Die Chemiestadt Bitterfeld in Sachsen-Anhalt bereitet sich nach 2002 auf eine weitere mögliche verheerende Flut vor.
Wie stark es die Chemie-Stadt treffen könnte, war am Dienstagnachmittag noch nicht klar. Es könnte sein, dass kaum Wasser aus dem Goitzschesee in die Stadt dringe und alles nicht einmal halb so schlimm werde wie befürchtet, sagt der stellvertretende Landrat des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, Bernhard Böddeker. Vorsorglich sollen in Bitterfeld 10 000 Menschen aber ihre Häuser verlassen.
Ein Notquartier ist die Turnhalle in Wolfen-Krondorf. Vor der Tür haben es sich Menschen auf weißen Plastikstühlen bequem gemacht und suchen ein wenig Erholung. In der Halle sitzt auf einer der vielen Matratzen Liane Kunze, neben ihr schläft ihr sechsjähriger Sohn Felix - Töchterchen Sophie beseitigt gerade ihre persönliche feuchte Katastrophe - eine Wasserflasche ist ausgekippt. Hund Murphy bleibt gelassen. «Wir mussten vorgestern Hals über Kopf aus unserer Wohnung in Jeßnitz», sagt die 27 Jahre alte Mutter. Zu Hause stehe schon das Wasser im Keller, Gas ist entwichen, die Feuerwehr hat zur Notunterkunft geraten.
Am Dienstag waren in Bitterfeld immer wieder Sirenen zu hören. Es standen Busse bereit, die die Bewohner aus den gefährdeten Gebieten in Sicherheit bringen sollten. «Zwangsevakuierungen wollen wir nicht», sagt Böddeker. Jeder sei letztlich für sich selbst verantwortlich, und die Evakuierungen seien vorsorglich.
Die Besonderheit an Bitterfeld ist der Goitzschesee. Wenn der überläuft, ergießen sich die Wassermassen in die Stadt. Grundsätzlich ist er noch aufnahmefähig, wie Böddeker betont. Wegen eines Dammbruchs im sächsischen Löbnitz weiß aber niemand, wie viel Wasser noch kommt. Dadurch füllt sich der Seelhausener See immer weiter, und es droht ein unkontrollierter Durchbruch zum benachbarten Goitzschesee. Um das zu verhindern, soll ein Kanal zwischen den beiden Gewässern gegraben werden.
Wer an Bitterfeld denkt, denkt an den Chemiestandort. 300 Firmen mit etwa 11 000 Beschäftigten gibt es dort. Die Bundeswehr, die in Bitterfeld 200 Soldaten im Einsatz hat, hat das Gelände mit Sandsäcken und Paletten gesichert. «Der Chemiepark ist nach dem aktuellen Stand nicht gefährdet», sagt Böddeker. «Wir profitieren von den Erfahrungen aus dem Jahr 2002», ergänzt er. «Die Deiche sind deutlich besser, allerdings sind die Wassermassen auch größer.»


„Mitteldeutsche Zeitung“ 06.05.2013
Am Sandsackverladeplatz am Sportplatz in Bitterfeld herrscht reges Treiben
(Foto: Alexander Baumbach)

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