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 „Bitterfelder Spatz“ vom 14.06.2013
Bitterfeld-Wolfen zieht erste Bilanz

Bitterfeld-Wolfen (rb.)
„Die Hochwassersituation ist nicht mehr akut, aber immer noch angespannt“, so Oberbürgermeistern Petra Wust am Mittwochvormittag zur Situation in der Stadt.

Mit bangem Blick schaut man immer noch nach Sachsen zum Seelhausener See. Der Pegelstand von 82m n.n. (normal sind 78m n.n.) muss mindestens um 1,5m abgesenkt werden, um die Gefahr einer Überflutung der Goitzsche dauerhaft zu senken. Der Ablauf geschieht derzeit über drei Pumpen in den Lober-Leine-Kanal, allerdings sehr schleppend. In den letzten zwölf Stunden verringerte sich der Pegel des Seelhausener Sees dadurch um nur einen Zentimeter.

Auch das gestiegene Grundwasser macht Teile der Bitterfelder Innenstadt zu schaffen: Das Stadtsicherungssystem, sowie 20 Brunnen sollen den Grundwasserspiegel senken. 20 weitere Brunnen werden demnächst in Betrieb genommen. An die privaten Haushalte, deren Keller geflutet worden sind, wird appelliert, nicht eigenhändig das Wasser aus den Kellerräumen zu pumpen. Sinkt der Spiegel im Keller, drückt der höhere Wasserstand im Boden von außen gegen die Gebäudemauern und es besteht akute Gefahr, das Mauerwerk zu beschädigen und dadurch die Statik des gesamten Gebäudes zu gefährden.
Ein besonderes Lob richtet Petra Wust an die freiwilligen Helfer und an die Bundeswehr, die in den letzten Tagen im Bereich Bitterfeld-Wolfen Großes vollbracht haben. 10 000 Tonnen Sand in 1,3 Millionen Säcke wurden im Akkord abgefüllt und auf 10 000 Paletten gestapelt. So konnte eine Dammlänge von 4,8 Kilometern in kurzer Zeit aufgebaut werden.

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Akute Gefahr besteht am Goitzschesee nicht mehr, gänzlich gebannt ist die Gefahr durch das Hochwasser jedoch noch nicht.
Foto: Jens Mattern


  „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 06.06.2013 (von Lisa Garn)
Die Angst ging am Donnerstag um in Bitterfeld: Die Goitzsche stieg. Am Donnerstagabend stand der See bei rund 76 Metern, normal wären rund 75. Insgesamt hat sich die Lage zwar minimal verbessert, die Gefahr einer Überschwemmung der Stadt bleibt dennoch bestehen.
Zunächst hatte die zweite Dammsprengung am Mittwochabend bei Löbnitz in Sachsen nicht den gewünschten Erfolg gebracht - es floss noch immer zu wenig Wasser aus dem Seelhausener See in die Mulde zurück. Nachdem man am Donnerstag in Sachsen mit Hochdruckpumpen den restlichen Deich ausgespült hatte, erhöhte sich zwar der Abfluss. Doch der See, der sieben Meter höher als die Goitzsche liegt, ist weiterhin randvoll. Am Abend stand der Pegel bei 83 Metern, der Normalstand liegt bei 78 Metern. „Es bestehen also weiter große Druckverhältnisse auf die schmale Landenge hin zur Goitzsche“, sagte Udo Pawelzyk, Sprecher des Krisenstabes Anhalt-Bitterfeld. Die Standfestigkeit sei die große Unbekannte. „Ein Durchbruch dieser Enge kann deshalb auch nach wie vor nicht ausgeschlossen werden.“ Sollte sich das Wasser Bahn brechen, liefe die Goitzsche schlagartig voll. Die Gefahr, dass Bitterfeld dann überschwemmt werden könnte, besteht weiterhin. Deshalb bleibe auch die Aufforderung an die Bitterfelder östlich des Bahndammes bestehen, ihre Häuser zu verlassen.
Es floss auch am Donnerstag auf rund 100 Metern Breite weiter Wasser über den Döberner Forst in die Goitzsche. Noch am Abend stieg deren Pegel um drei bis vier Zentimeter in der Stunde. Bundeswehr-Hubschrauber waren im Einsatz, um riesige Sandsäcke, so genannte Big Bags, am Seelhausener See abzuwerfen. Sie sollen den Zulauf im Bereich des Waldes reduzieren.
Dieser Zufluss an sich sei für die Böschungsflächen unbedenklich. „Allerdings tritt derzeit Wasser über das Einlaufbauwerk Goitzsche in Höhe des Pegelturms in den alten Muldelauf“, so Pawelczyk. Dort wurde ein Sandsackdamm aufgestapelt. Die B 100 könne vorerst weiter befahren werden. Ebenso wurde der Sandsackdamm ab dem Bitterfelder Stadthafen weiter aufgeschichtet.
Doch die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen auf sächsischer Seite hatte auch am Donnerstag einen deutlichen Tenor: Man beklagte am Mittag, dass auf sächsischem Gebiet eine dritte Sprengung eines Deiches bei Löbnitz abgesagt worden sei und sich das Problem damit in Bitterfeld zuspitze. Nordsachsen habe die Genehmigung verweigert, sagte der Vize-Landrat Bernhard Böddeker am Mittag. „In Nordsachsen wird ein anderer Weg favorisiert. Das ist für uns nicht nachvollziehbar.“ Dass am Deich bei Löbnitz mit einer Hochdruckpumpe der nach der zweiten Sprengung noch stehende Rest Deich weggespült wurde, schätzte man auf der sachsen-anhaltischen Seite zunächst als nicht zielführend ein.
„Ich war gegen die Sprengung und habe sie verhindert“, so der nordsächsische Landrat Michael Czupalla (CDU), „weil sie zu nah an den Ortschaften Löbnitz und Sausedlitz geplant war. Die Experten in unserem Krisenstab plädierten für eine Durchspülung des Deiches.“ Davon habe man letztlich auch Sachsen-Anhalt überzeugen können. „Der Krisenstab hat die Entscheidung dann mitgetragen. Nun ist ja Gott sei Dank alles in Ordnung.“ Die Zwangsevakuierung der beiden Orte Löbnitz und Sausedlitz wurde aufgehoben. In den Innenministerien beider Bundesländer war auf Nachfrage von einer Verstimmung keine Rede - im Gegenteil: Die Zusammenarbeit sei gut.
Ab dem Nachmittag zeigte sich am Seelhausener See dann eine minimale Entspannung. „Das Wasser fließt aber nur sehr langsam und zäh in die Mulde ab. Eine Entwarnung kann deshalb nicht gegeben werden“, hieß es am Abend im Krisenstab.